Theater am GYMNO

30. JUN 2017 Aktuelles

Zeitsprünge machen Gegenwart erst so richtig begreiflich

Am 12. und 13. Juni führten die Theater-AG der Mittelstufe das Stück „Schuhe zertanzt?“ und der Kurs Darstellendes Spiel im Jahrgang 12 ein Stück namens „Jointventures“ auf. In beiden Stücken wurde eindrucksvoll gezeigt, dass eine Zeitreise die Gegenwart erst so richtig leuchten lassen kann. Ein vergnüglicher Abend für die Zuschauer, die den Musiksaal I des GYMNO an beiden Abenden fast zum Platzen brachten.

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ - Ein aktuelles Märchen

Eine Königin (gespielt von Lara Coors) verzweifelt jeden Morgen daran, dass die Schuhe ihrer fünf Töchter kaputt sind. Ihre eigenen halten 14 Tage, obwohl sie darin ein ganzes Königreich regiert. Die Prinzessinnen (gespielt von Anna Klaßmann, Zara Ates, Lilli Hotz, Esther Hering und Marla Klyk) vermuten gegenüber ihrer Mutter, dass Sollbruchstellen Schuld an diesem hohen Verbrauch von Schuhen sind. Die Königin engagiert drei Freier (Lukas Koschel, Paul Göddel und Johannes Ebersberger), die sich anschicken, in diesem dunklen Mittelalter Licht in die Sache zu bringen. Decken sie das Geheimnis der kaputten Schuhe auf, dürfen Sie eine Prinzessin heiraten, ansonsten landen sie auf dem Schafott. Die Hinrichtungen finden zum großen Wohlgefallen der Königin statt. Und die Prinzessinnen sorgen dafür, dass diese „Hinrichtungsevents“ so schnell nicht abklingen. Normalerweise gehen die schlauen Mädels so vor: Die Freier werden in Schlaf versetzt, damit keiner erfährt, dass sie nachts wilde Disco-Tänze tanzen. Sie leben in der steten Hoffnung, dass eines Nachts die passenden Prinzen zu ihnen kommen, so wie das heilige Buch, Grimms Märchen, das schließlich auch verheißt. Und dann kommt doch alles anders: Als die Mädels herausfinden, dass der kleine Bruder (von Florian Ehler gespielt) des dritten Freiers sie quasi einspannt, um diesen raffiniert zu beseitigen, wird ihre eigene Intrige gekreuzt.

Das ursprünglich von den Brüder Grimm stammende Märchen wurde sehr frei interpretiert. Die Schauspieler konnten den witzigen Mix aus klassisch bekannten und modernen Charakteren absolut lebendig darstellen. Dabei entstand während des Spiels ein wunderschöner satirischer Blick auf unsere Zeit.

Reisen bewirkt Veränderung

Auch im zweiten Theaterstück erfolgen Zeitsprünge, allerdings ganz anderer Art: Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, offensichtlich ein „Sauhaufen“, soll als naturpädagogisches Gruppenerlebnis den Schulteich putzen. Die daraus resultierenden üblichen Streitereien werden von zwei Hippies, die aus dem Nichts hereindonnern, gestört. Ein Joint hat die Hippies auf den „abgefahrensten Trip“ aller Zeiten gebracht, direkt aus einer Antivietnamkriegsdemo in das Jahr 2017, nach Nieder-Olm. Leider können sie ihre Message von Peace and Happiness nur für kurze Zeit verbreiten, denn die Wirkung des Joints lässt bald nach. Sie verschwinden wieder spurlos. Naja, fast spurlos: Den Joint haben sie zurückgelassen.

Dieser wird zur Rettung für den „Sauhaufen“: Aufregende Zeiten in der Zukunft, im antiken Griechenland führen sie letztlich in die Nazizeit. Sie lernen zwischen Macht und Verantwortung zu unterscheiden und versuchen schließlich einem jüdischen Mädchen zur Flucht aus Deutschland zu verhelfen. Als sie nach Ende der Jointwirkung wieder am Teich landen, ist aus dem „Sauhaufen“ eine Gruppe von Jugendlichen geworden, die ihre Probleme selbst lösen und vielleicht sogar ein Mädchen, das nach Deutschland geflohen ist, integrieren können.

Theaterexperimente regen zur Diskussion an

Die DS-Gruppe wagte sich an Formexperimente heran. In den selbst erstellten Text wurden Zitate aus dem Hippie-Musical Hair und Inge Deutschkrons Erinnerungen collagiert. In manchen Dialogen lässt das absurde Theater mit seinen vergeblichen Kommunikationsversuchen grüßen. Hier tritt eine seltsame Lehrerfigur auf, die teils als chorische Einheit, teils als Kollegium von Individuen auftritt. Videoprojektionen ergänzen das Bühnenbild. Ein Umbau wird als Verfremdungseffekt inszeniert, wenn ein Nazioffizier die Befehle zur Aufstellung der Requisiten erteilt und dabei seine zynische Mentalität auf Schritt und Tritt verrät.

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob der witzige, derbe, ironische Unterton dem Ernst des Themas Nationalsozialismus angepasst ist. Der große Publikumszuspruch scheint jedenfalls diesen Unterton für angemessen zu halten. Allerdings gab es Textunsicherheiten und hier und da fiel auch jemand aus der Rolle. Dennoch war diese Kreativleistung ein absolut beachtlicher Erfolg des Grundkurses Darstellendes Spiel. So darf man den Summer of Love würdigen, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Die Gruppe würde sich wünschen, dass sie auch dem Gedenken an Anne Frank gerecht geworden ist, die am Premierenabend 88 Jahre alt geworden wäre

Text und Fotos: Joachim Bayer


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